Flucht oder Angriff… oder gibt es da noch was?

„Die Menschen lassen sich lieber durch Lob ruinieren als durch Kritik verbessern.“ – George Bernhard Shaw –

Ich habe mir in den letzten Wochen aus den verschiedensten Gründen Gedanken zum Thema Kritik gemacht. Einer der
Hauptgründe ist natürlich, dass ich als Schiedsrichter in jedem Spiel aufs neue mit Kritik konfrontiert bin. Da gibt es Spieler, die sich über Entscheidungen aufregen, Trainer, die sich mal mehr oder weniger ungerecht behandelt fühlen und natürlich die Fans, deren Kritik man meist am deutlichsten zu spüren bekommt. Und wer von uns hört schon freiwillig gerne Kritik? Heute denke ich darüber deutlich anders, als noch vor ein paar Jahren und das habe ich dem Basketball zu verdanken.

Wenn wir Kritik ausgesetzt sind, dann schießt sofort eine Frage in unser Unterbewusstsein: Flucht oder Angriff? Beides hat sicher jeder schon einmal bei seinem Gegenüber erlebt. Die eine Person geht bei Kritik sofort in eine defensive Haltung und mauert komplett, eine andere Person schießt erst einmal knallhart zurück, frei nach dem Motto „Verletzt du mich, dann tu ich das genauso.“ Ich denke jeder von uns konnte diese beiden Verhaltensweisen schon einmal mehr oder weniger ausgeprägt an sich selbst feststellen. Als Schiedsrichter hat es nun leider den Nachteil, dass Flucht und Angriff zwei durchaus schlechte Reaktionen auf Kritik sind. Ich kann mich in dem Moment, in dem mich ein blöder Spruch aus Richtung der Tribüne knallhart am Kopf trifft, ganz schlecht umdrehen und darauf mit einem „Selber blöd!“ antworten. Natürlich, rein theoretisch ginge das, wie professionell diese Reaktion wäre, sei aber einmal dahin gestellt. Auch ist Flucht auf dem Feld nur bedingt möglich. Ich kann natürlich zusehen, dass ich mich vielleicht nicht gerade neben den Trainer stelle, der seit mehreren Angriffen in einer Tour auf mich einredet, aber früher oder später, spätestens nach dem Spiel, muss ich mich der Kritik stellen.

Als ich mit dem Pfeifen anfing, hatte ich keinen Plan, was mich an Kritik auf dem Feld erwartete und auch die Art und Weise überrumpelte mich als 16-jährige ein wenig. Nach meinen ersten Spielen war ich regelmäßig am Boden zerstört und fragte mich jedes Mal, weshalb die Spieler denn nur so gemein zu mir wären und was ich ihnen getan hätte. In meinem Kopf wollte es einfach keinen Sinn ergeben, weshalb die Beteiligten mich nicht leiden konnten. Am Ende meiner ersten Saison war ich sogar so weit, dass ich am liebsten sofort wieder mit dem Pfeifen aufgehört hätte. Irgendwann platzte jedoch auch bei mir der Knoten. Was, wenn die Spieler und Trainer gar nicht mich als Mensch kritisierten, sondern lediglich mich in meiner Funktion als Schiedsrichter? Von da an ging es nach und nach bergauf, natürlich nicht von jetzt auf gleich. Jedoch lernte ich immer besser, die Kritik während eines Spiels nicht so extrem an mich heran zu lassen. Wieder ein paar Jahre später ging ich sogar noch einen Schritt weiter und stellte fest, dass Kritik einem eine ungeahnte Möglichkeit bietet: Das Arbeiten an sich selbst um besser zu werden. Theodor Fontane sagte irgendwann einmal: „Wer aufhört, Fehler zu machen, der lernt nichts mehr dazu.“ – das klingt für den ein oder anderen vielleicht abgedroschen, aber es liegt doch so viel Wahrheit darin.

Früher war ich, zum Leidwesen meiner Mitmenschen, jemand, der auf Kritik sofort mit Angriff reagierte. Das kam höchstwahrscheinlich nicht immer gut an und hat auch mich nicht wirklich weiter gebracht. Durch meine Arbeit als Schiedsrichter konnte ich in diesem Bereich sehr viel an mir arbeiten. Natürlich fragt sich mein Unterbewusstsein noch heute bei Kritik „Flucht oder Angriff?!“, dann jedoch schaltet sich mein Bewusstsein kurz ein und wirft ein „Denk einfach mal in Ruhe darüber ein“ in die Runde.

Schreibe einen Kommentar